Null Chance ohne Abschluß
Written by Ralf Wurzbacher   
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Jeder sechste junge Mensch im Alter zwischen 20 und 30 Jahren verfügt hierzulande über keinen Berufsabschluß und befindet sich auch nicht in einer Bildungsmaßnahme. So lautet der alarmierende Befund des neuesten Bildungsberichts von Bund und Ländern, der an diesem Donnerstag vom Bundesbildungsministerium (BMBF) und der Kultusministerkonferenz (KMK) offiziell vorgestellt werden soll. In der Studie mit dem Titel »Bildung in Deutschland 2010«, über die die Deutsche Presseagentur (dpa) vorab berichtete, warnen die Autoren vor einer verhängnisvollen Entwicklung für die Betroffenen, zu denen insbesondere Hauptschüler und Jugendliche mit Migrationshintergrund zählten. Die Bundesregierung will der Misere derweil mit einer wohlklingenden Initiative beikommen und gab am Mittwoch den Startschuß für die »Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluß«.

 


Mit 17 Prozent in der Altersgruppe der 20- bis 30jährigen hat der Anteil der Ungelernten offenbar den höchsten jemals gemessenen Stand in der Bundesrepublik erreicht – wobei die Lage aktuell sogar noch verheerender sein könnte. Der Bund-Länder-Bericht bezieht sich auf das Jahr 2008, damals nahm die Wirtschaftskrise erst Fahrt auf. Ein früherer Regierungsreport weist die Quote mit 15,2 Prozent für das Jahr 2007 aus, was seinerzeit 1,5 Millionen Menschen entsprach. Die schlechtesten Karten auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben nach den aktuellen Zahlen junge Migranten. Von ihnen sind über 30 Prozent ohne Berufsabschluß und Weiterqualifizierung. Bei jungen Frauen türkischer Herkunft beträgt der Anteil derer ohne jede berufliche Perspektive sogar 47,5 Prozent.


Verlierer sind nach dem Bildungsbericht vor allem Hauptschüler: Ihr Abschluß führt sie in über 50 Prozent der Fälle in eine sogenannte Warteschleife des Übergangssystems. Von den Hauptschülern ohne Abschluß werden mehr als drei Viertel in dieser Grauzone abseits der Erwerbslosenstatistik »geparkt«. Der Bildungsbericht wurde von einer Wissenschaftlergruppe unter Horst Weishaupt erstellt. Für Menschen ohne abgeschlossene Schule »dürfte es in Zukunft noch schwerer werden, einen Arbeitsplatz zu finden«, sagen die Autoren in ihrer Expertise voraus. Eine aktuelle Prognose besagt, daß das Arbeitskräfteangebot von Ungelernten den tatsächlichen Bedarf in den kommenden 15 Jahren um 1,3 Millionen übersteigen wird.


Ein neuerliches Armutszeugnis für die Bundesregierung ist der Bericht auch deshalb, weil sie beim ersten »Bildungsgipfel« mit lautem Getöse das Ziel einer Halbierung der Zahl von Menschen ohne Schulabschluß proklamiert hatte. Laut der Zusammenstellung lag die Quote der Schulabbrecher 2008 bei 7,4 Prozent, wobei der Wert für den Osten sogar 11,6 Prozent betrug. Der Bericht konstatiert ferner, daß fast jeder dritte Schüler in einer »sozialen, finanziellen und kulturellen Risikolage« aufwachse. Knapp ein Viertel davon entstammen einem Elternhaus, das arm ist.


Als »Zynismus pur« brandmarkte vor diesem Hintergrund am Mittwoch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) das am selben Tag per Kabinettsbeschluß auf den Weg gebrachte Sonderprogramm der Regierung zur Berufseinstiegsbegleitung für Hauptschüler namens »Bildungsketten«. Dabei sollen haupt- und ehrenamtliche »Bildungslotsen« Risikoschüler unter ihre Fittiche nehmen und »gezielt und kontinuierlich bis hinein in die berufliche Ausbildung« begleiten. Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann kommentierte: »Erst Schüler abschreiben und dann aufbauen.« Mit einem Hauptschulabschluß gingen die Chancen auf dem Lehrstellenmarkt »gegen Null«, und »das wissen Politik und Wirtschaft seit Jahren«.